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Die Anna Selbdritt Figur


Die Anna Selbdritt Figur des Kirchenschatzes der St. Josefgemeinde Scholven ist eine aus Eiche geschnitzte Heiligendarstellung aus dem Übergang vom 15. ins 16. Jahrhundert, die wahrscheinlich am Niederrhein gefertigt wurde. Dargestellt ist eine auf einer Plinthe stehende Figurengruppe mit insgesamt drei Personen, die in der Mitte von Anna, der Mutter Mariens, dominiert wird. Zu ihrer Rechten befindet sich Annas Tochter Maria, zu ihrer Linken, auf ihrem Oberschenkel sitzend, ihr Enkelkind Jesus. Der Name Selbdritt erklärt sich, weil Anna selbst zu dritt, also mit zwei weiteren Personen dargestellt ist.

Anna Selbdritt Figur
Foto: Orts- und Heimatverein Buer, Anna Selbdritt, Kapelle am Fünfhäuserweg
Die linke Hand des Jesuskindes fehlt bei der Scholvener Plastik und wird wie in ähnlichen Darstellungen segnend nach vorne gestreckt gewesen sein. Auch einige Teile der Kopfpartie sind beschädigt und lassen vermuten, dass das Kind früher eine Krone getragen hat.

Die mehrfach übermalte Figur ist jüngst aufwendig restauriert worden. Dabei wurden die einzelnen übermalten Farbschichten nach und nach wieder abgetragen, weshalb Anna Selbdritt heute in ihrem ursprünglichen Zustand bewundert werden kann.

Vor der Brust Annas ist ein aufgeschlagenes Buch zu erkennen, das von Maria und dem Jesuskind gehalten wird. Das Buch ist ein häufig anzutreffendes Element in den Annendarstellungen und geht auf Legenden und Erzählungen zurück, in denen Anna ihrer Tochter Maria das Lesen lehrt, damit diese die Fähigkeit ihrem Kinde weitergibt. Die Kunst des Lesens beherrschten im Mittelalter nur Geistliche und wenige wohlhabende Menschen. Dazu sollten wohl auch Anna und Maria gerechnet werden. Ein Bildungs- und Erziehungsauftrag für die Frau im Sozialgefüge der Großfamilie; die Weitergabe von Wissen durch die Oma an die Mutter und von dieser an das Kind als soziokulturelle Komponente in einem religiösen Zusammenhang.

Ähnlich wie die klassische Dreieinigkeit von Vater, Sohn und heiligem Geist, drücken die Anna Selbdritt Darstellungen des Hochmittelalters eine Art weibliche Trinität aus, bestehend aus Großmutter, Mutter und Kind.

Der Annenkult

In der Bibel erfährt man nichts über Anna, weil sie dort nirgendwo erwähnt wird. Hinweise gibt das apokryphe (nicht anerkannte) Jakobusevangelium aus der Zeit um 150. Dort erfährt man, dass Anna und Joachim die Eltern Mariens und Großeltern Jesu waren. Die Lebensgeschichte Annas und Joachims ist dort dem alttestamentlichen Vorbild von Hanna und Samuel nachempfunden. Ähnlich wie Hanna soll auch Anna erst nach 20 kinderlosen Ehejahren im betuchten Alter eine Tochter geboren haben. In der Legenda Aurea, dem meistverbreiteten religiösen Volksbuch aus dem 13. Jahrhundert, wird darüber hinaus berichtet, dass Anna nach dem Tod von Joachim noch zwei weitere Männer gehabt hat.

Der Annenkult entsteht im 6. Jahrhundert in der Ostkirche, während des Mittelalters verbreitet er sich dann auch in der römischen Kirche. Im Jahr 1212 gelangt eine Reliquie der heiligen Anna von Jerusalem nach Mainz. Später wird in Düren ein Teil des Schädels aufbewahrt und verehrt. Die weitere Verbreitung der Annenverehrung erfolgt längs des Rheins bis an den Niederrhein, was sich in zahlreichen Darstellungen spätgotischer Künstler, wie Meister Arnt von Kalkar und Zwolle, Henrik Douverman, Arnt von Tricht oder dem Bildhauer Dries Holthuys aus Kalkar wiederspiegelt. Vor dem Hintergrund der Lehre einer unbefleckten Empfängnis durch Papst Sixtus IV erreichte die Annenverehrung in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ihre große Blüte.

Wappen Ostendorf
Wappen der Familie Ostendorf
Anna an der Lippe

Von den kulturellen Zentren des linken Niederrheins breitet sich der Annenkult entlang der Lippe aus. Die erste nachweisliche Spur ist die 1478 von der aus Datteln stammenden Familie Dorneburg (Aschebrock) gestiftete Kirche des Prämostratenserinnenklosters in Flaesheim.

1488 wird dann das Franziskanerkloster in Dorsten gegründet und seine Kirche ebenfalls der heiligen Anna geweiht. Das Kloster ist eine Stiftung des Ritters Goswin von Raesfeld, dem Aufsitzer von Haus Ostendorf auf dem Krommsberg (Königsberg) bei Haltern.


1491 lässt Goswin vor seiner Burg eine Kapelle als Vikarie zu Lippramsdorf errichten, die er ebenfalls der heiligen Anna widmet und die diesem Berg später den Namen Annaberg gibt.

Annaberg Haltern
Quelle: St. Sixtus Haltern, Kapelle auf dem Annaberg 1835

Anna in Haltern
Ein Vierteljahrhundert später kommt der Annenkult nach Scholven und zwar über Reiner von Raesfeld, einem Sohn Ritter Goswins. Dieser erwirbt 1513 Haus Lüttinghof als kurkölnisches Lehen von Burchard von der Rohr. Das Heiligenhäuschen zu Ehren Annas wird unweit der Wasserburg am späteren Gahlenschen Kohlenweg erbaut.

Im 16. Jahrhundert festigt sich in Westfalen der Kult mit der Einführung des Festes der heiligen Anna durch den Münsteraner Bischof Erich I von Sachsen-Lauenburg. Der Annaberg wird zum religiösen Zentrum der Annenverehrung, weil sich ein Mythos um diesen Ort bildet, nachdem sich ein an Aussatz leidender Hirte an einer Quelle auf dem Berg gewaschen und nach Anbetung eines Annenbildnisses durch ein Wunder geheilt wurde, wie zwei Chroniken der Pfarrei Lünen für das Jahr 1556 zu berichten wissen. Dieses Ereignis wird zum Ausgangspunkt für Wall- und Pilgerfahrten entlang der Lippe.

Neben dem Annaberg in Haltern und dem Franziskanerkloster in Dorsten befinden sich an diesem Fluss weitere Stationen zur Verehrung dieser Heiligen in Form von Anna Selbdritt Darstellungen. So zum Beispiel in den Kirchen St. Ludgerus in Schermbeck, St. Lambertus in Lippramsdorf und St. Maria Magdalena in Horneburg, etwas abseits der Lippe in den Kirchen St. Matthäus in Wulfen und St. Peter in Recklinghausen, auf dem Tannenberg bei Haltern unweit des Annaberges und bei uns in Scholven.


Der Pilgerweg von Scholven zum Annaberg

Die Anna Selbdritt Kapelle am Fünfhäuserweg nahe der Wasserburg Lüttinghof ist die Anfangsstation der alten Pilgerstrecke der Scholvener Bauern zum Annaberg. Dieser Pilgerweg führt als erstes nach Dorsten auf dem späteren Gahlenschen Kohlenweg, vorbei am Franziskanerkloster auf die andere Seite der Lippe. Dort trifft er auf die Pilgerstrecke, die von Altschermbeck über Lippramsdorf nach Haltern verläuft, ein Weg, der sich an der alten Heerstraße der Römer orientiert.


Schutzpatronin und Wetterheilige

Anna, der Name stammt aus dem hebräischen und bedeutet die Begnadete, ist eine Wetterheilige. Mit ihrem Namenstag am 26. Juli beginnen die sogenannten Hundstage, die meist mit großer Hitze und häufig auftretenden Gewittern einhergehen. Deshalb wird sie sowohl von den Bauern, die um ihre Ernte besorgt sind, als auch von Reisenden angerufen, die früher vom Wetter ungeschützt zu Fuß oder mit dem Pferdekarren unterwegs waren. Neben ihrer Zuständigkeit fürs Wetter ist sie auch Patronin der Mütter in der Ehe, der Witwen, Hausfrauen und der Arbeiterinnen.


Anna und der Bergbau

Während Anna in unserer Gegend traditionell von den Bauern angebetet wurde, entwickelte sie sich in Sachsen zur Schutzpatronin der Bergleute. Ihr zu Ehren wurde im Erzgebirge eine Kirche erbaut, Sachsens größte Hallenkirche, durch welche die dort entstehende Silberstadt Annaberg-Buchholz später ihren Namen bekommt.

Stadtwappen Annaberg-Buchholz
Auf dem Stadtwappen von Annaberg-Buchholz ist über dem Symbol Schlägel und Eisen eine auf einem Altar thronende Anna Selbdritt abgebildet, die an beiden Seiten von einem Bergmann flankiert wird.


Anna Selbdritt und Gelsenkirchen

Für Gelsenkirchen besteht der außergewöhnliche Wert der Anna Selbdritt Scholven darin, dass es sich um die älteste bewegliche Plastik dieser Stadt handelt. Zwischen Emscher und Lippe ist sie eine der wenigen erhaltenen Kunstwerke aus dem Mittelalter, welches davon zeugt, dass es hier bereits Jahrhunderte vor der Industriealisierung ein ausgeprägtes kulturelles Leben gegeben hat, das sich sehr stark Richtung Lippe orientierte.

Anna Selbdritt ist Teil des Kirchenschatzes der St. Josefgemeinde in Scholven. Bewundern kann man Gelsenkirchens älteste Plastik in der St. Josef Kirche, Buddestraße 37

Die Öffnungszeiten der Kirche können Sie im Gemeindebüro der Pfarrei erfragen. Tel. 02 09 - 3 09 00

Quellen:
Orts- und Heimatverein Buer, Beiträge zur Geschichte, 27. Band 2008
Ökumenisches Heiligenlexikon
St. Josef Scholven
St. Sixtus Haltern
Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V.
Stadt Annaberg-Buchholz
Johannes Fischer


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