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Die Kapelle - Standort und Geschichte

Seit 1986 wird die Anna Selbdritt Figur in der Pfarrkirche der St. Josefgemeinde ausgestellt, allerdings ist ihr eigentliches Zuhause eine Kapelle am Gahlenschen Kohlenweg in Oberscholven. Durch einen Aufsitzer Lüttinghofs, Reiner von Raesfeld, ist die Anna Selbdrittfigur 1522 nach Scholven gelangt.

Es ist zu vermuten, dass sich in dieser Gegend bereits vor der Einführung des Annenkultes ein Ort mit religiöser Bedeutung befunden hat, der zur Germanenzeit als Opferstätte genutzt und von den Christen zur Heiligenverehrung übernommen wurde. Der Name Thewes, den ein Hof trägt, an dem man unweigerlich vorbeikommt, wenn man von hier zur Wasserburg Lüttinghof gelangen will, leitet sich ab von dem Wort „Thiu“, was „Gott“ bedeutet.

Charakter als Wegekapelle

Das Heiligenhäuschen ist eine klassische Wegekapelle, die neben ihrer religiösen Bedeutung für Gläubige auch als Wegezeichen für Reisende verstanden werden muss, denn an dieser Stelle kreuzen sich der alte Handelsweg mit der Hauptverbindung der Scholvener Bauernschaften zu ihrem kulturellen und religiösen Zentrum, der Wasserburg Lüttingof und seiner Antoniuskapelle.

Das Teilstück des Fünfhäuserwegs zwischen der Anna Selbdritt Kapelle und der Wasserburg liegt heute unter einer naturnah gestalteten Abraumhalde begraben, die wir in Gedenken an das ebenfalls verschwundene Kirchlein der Wasserburg „Antoniushalde“ genannt haben.


Mündungsbereich Fünfhäuserweg/ Gahlenscher Kohlenweg, Januar 2009

Die Bedeutung der Anna Selbdritt Kapelle als Wegezeichen an einem wichtigen Kreuzungsbereich kann man daran erkennen, dass diese Wegekapelle im Rahmen der zweiten Ausbauphase des Gahlenschen Kohlenweges Mitte des 19. Jahrhunderts, bei der u.a. das Teilstück zwischen Buer und Dorsten stark begradigt und mit einem Damm aufgeschüttet wurde, an diese Stelle transloziert, also dem Verlauf der erneuerten Straße folgend, versetzt wurde.

Urbanusumritt und Buersche Linde

Der Standort der Kapelle markiert gleichzeitig die Grenze zwischen den beiden Kirchspielen Dorsten und Buer.
Im Mittelalter war sie deshalb auch eine der wichtigsten Stationen im Urbanusumritt.

Urbanus war ein Römer im 3. Jahrhundert, der von 222 bis 230 als Papst die römische Kirche leitete. Er ist der Namenspatron vieler mittelalterlicher Kirchen, die einzeln und abseits von Städten standen. Im Vergleich zu den beiden Zentren im Vest, Recklinghausen und Dorsten, war Buer nur ein Dorf, irgendwo auf dem Weg von der Lippe an die Emscher, dessen Gemeinde sich an eine Knotenpunkt wichtiger Verbindungswege entwickelte, und die den Namen St. Urbanus bekam. Typisch für solche abseits gelegenen Urbanusgemeinden war der Brauch die Kirchspielgrenzen zu gewissen Anlässen in einer Art Prozession zu umreiten. Neben religiösen Aspekten, wie der Einsegnung der Felder und Äcker, vor allem aber der Pferde, spielte der weltliche Aspekt wohl die bedeutendere Rolle. Außer der Markierung der Kirchspielgrenze war der Urbanusumritt nach außen vor allem eine Demonstration der Macht in einem von Fehden und Überfällen gebeutelten Gebiet.


Buersche Linde
Buersche Linde mit dem Kreuz Kurkölns

Neben der Anna Selbdritt Kapelle steht ein beeindruckender Baum, ein weiteres Symbol zur Grenzmarkierung. Bei dem Baum handelt es sich um eine Linde, dem Wahrzeichen Buers, das einst das Wappen dieser Gemeinde schmückte und heute noch als eines von vier Elementen im Stadtwappen Gelsenkirchens wiederzufinden ist. Einen religiösen Bezug zur Kapelle bekommt diese Buersche Linde, weil sie die Gärtner mit drei Stämmen emporwachsen ließen, welche die Dreieinigkeit wiederspiegeln, die sich auch in den drei Personen der Anna Selbdritt findet.

Beschreibung der Kapelle und äußere Erscheinung

Der Kapellenbau steht auf einer Grundfläche von 230 cm x 250 cm und bei einer Höhe von ebenfalls 230 cm hat er in etwa die Form eines Würfels, das von einem Dach in Form einer Pyramide, mit einer an allen Seiten etwa 30 cm hervorstehenden Grundfläche, versehen ist.

Die Kapelle ist ein Backsteinbau aus 30 übereinandergeschichteten Reihen Backsteinen. Dominierend ist dabei der im Freibrand hergestellte Backstein, aus dem die Kapelle ursprünglich errichtet wurde. Den Freibrand erkennt man an der sehr rauen und porösen Oberflächenstruktur, der relativ dunklen Färbung und der variierenden Länge von 28 -31 cm. An manchen Stellen ist das Mauerwerk später durch Zechenstein ausgebessert worden, der eine wesentlich glattere Oberfläche, einen orange schimmernden Grundton und eine Länge von 25 cm besitzt. Die oberen beiden Abschlussreihen sind aus Klinker gemauert, ebenfalls mit einer Länge von 25 cm und einer glatten Oberfläche.

Kapelle Mauerwerk
Mauerwerk: Freibrandbackstein, vereinzelt Zechenstein (orange),
oben Klinker
Kapelle Freibrand Teer
Die im Freibrand hergestellten Backsteine weisen Teerspuren auf.

Vermutlich ist das Dach nebst den beiden oberen Reihen Klinker komplett erneuert und mit einem Betonfundament ausgegossen worden.

Neben dem Eingang der Kapelle befindet sich unmittelbar über dem Boden ein Messpunkt in Form eines dicken Bolzens, der bis zu seinem Kopf in das Mauerwerk geschlagen und mit einem weißen Strich markiert ist. Das Fundament der Kapelle befindet sich 30 cm unterhalb dieses Messpunktes.


Messbolzen

In das Innere gelangt man durch eine alte Holztüre von 180 cm Höhe und 85 cm Breite, die mit einem verschlagenen Fenster versehen ist. Im oberen Bereich des Eingangs sind die Backsteine so eingemauert, dass sie einen Bogen andeuten. Links und rechts des Eingangs ragen die eisernen Verankerungen der Tür aus dem Mauerwerk hervor. Die Tür zeigt Spuren alter Schlösser, die als Riegelbalken über ihre gesamte Breite gelegt wurden.

Kapelle Tür Kapelle Türfenster
Türfenster

Zwischen den rechtwinklig angeordneten Gitterstäben des Türfensters sind abwechselnd Kreise und Kreuze eingearbeitet, die an manchen Stellen fehlen. Die Plexiglasscheibe hinter dem Gitter ist von uns angebracht worden, um das Innere der Kapelle von Umwelteinflüssen zu schützen.

Zwei weitere, allerdings kleinere Fenster befinden sich im Mittelpunkt der beiden Seitenwände und haben einen kreisrunden Durchmesser von ca. 20 cm. Auch sie sind vergittert und zwar mit zwei ineinandergelegten Kreuzen in Form eines Wagenrads.


Seitenfenster
Seitenfenster

Das Dach der Kapelle ist neueren Datums, allerdings durch das kräftige Astwerk der Bäume stellenweise stark beschädigt. In der Vergangenheit war seine Spitze mit einem Ballkreuz gekrönt.


Kapellendach

Das Innere der Kapelle ist Ende des 20. Jahrhunderts mit Kalksandstein ausgemauert worden. In die hintere Wand sind stufenweise zwei Vorsprünge eingearbeitet, die mit einer aufgelegten schwarzen Marmorplatte einen Altar bilden.


Kapelle Innenansicht

Das Inventar der Kapelle

Zur „Inneneinrichtung“ der Kapelle gehören drei Gegenstände:
Die Anna Selbdritt Plastik, ein Kruzifix und ein Bildnis des Jordan Mai.

Ein Diebstahl der Heiligenfigur am 8. Januar 1986 löste bei Gläubigen der St. Josefgemeinde und Heimatforschern aus ganz Gelsenkirchen Empörung aus. Zwei Wochen später fand man die Plastik in einem Vorgarten. Seitdem wird sie in der St. Josefkirche ausgestellt und durch ein Bild ersetzt. Die dargestellte Fotographie zeigt Anna Selbdritt in den Farben vor ihrer Renovierung.
Das Kruzifix, eine aus Gips gefertigte und auf einem Holzkreuz angebrachte Jesusfigur, ist stark beschädigt und notdürftig wieder zusammengeklebt worden.
Auch das Bild des Jordan Mai war stark beschädigt und wurde von uns durch ein neues Bild ersetzt.

Kapelle Inventar

Diese Aufnahme entstand am 26. Juli 2008, Annas Namenstag, der mit einer Andacht den krönenden Abschluss unserer ersten Hilfsmaßnahmen bildete. Zur Feier des Tages hat es Pastor Norbert Schroers ermöglicht, Anna Selbdritt in ihrem eigentlichen Zuhause zu bewundern.

Unser Ziel ist es, irgendwann einmal eine maßstabsgetreue Replik in der Originalbemalung in die Kapelle stellen zu können.

Bruder Jordan Mai

Mit der Kapelle ist auch die Erinnerung an einen Franziskanermönch wieder aufgetaucht, Bruder Jordan Mai, eine weiteren Persönlichkeit Gelsenkirchens, dessen Wirken über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus beeindruckte und dessen Name christliche Einrichtungen in der ganzen Welt tragen. Auch Jordan Mai aus Buer, zu dessen Sippschaft einst ein Hof unweit der Kapelle am Fünfhäuserweg gehörte, wird in dem Heiligenhäuschen verehrt.



Bruder Jordan, ökumenisches Heiligenlexikon

Vita

Bruder Jordan wird am 1. September 1866 als Heinrich Mai geboren. Er wächst in Buer auf und beginnt 1880 nach der Schule Sattler und Polsterer zu lernen, den Beruf seines Vaters. Nach seiner Ausbildung folgt eine zweijährige Militärzeit und anschließend die Rückkehr in seinen Beruf. Heinrich Mai wird Mitglied der Marianischen Sodalität, einer Bruderschaft zur besonderen Pflege der Frömmigkeit und Nächstenliebe. 1894, mit 28 Jahren, tritt er als Laienbruder in den Orden der Franziskaner ein. Nach dem Postulat wird er zum Noviziat zugelassen und nimmt den Namen Jordan an. Da er mit seinem erlernten Beruf im Kloster nichts anfangen kann, wird er Koch. Jordan Mai lebt erst in Paderborn, anschließend in Münster, wo er sich mit großer Hingabe um die Bewirtschaftung der Mitbrüder und Gäste kümmert. 1899 wirkt er in Neviges und Harreveld (NL) und geht 1901 nach Dingelstädt. 1904 legt er den Profess ab, das Gelübde des Ordens. 1907 schließlich zieht er nach Dortmund, wo er bis zu seinem Tod am 22.2. 1922 lebt.





Bruder Jordan Werk

Bruder Jordan leidet Zeit seines Lebens an Migräne. Man erzählt, dass er durch nächtelange Gebete dem Kopfschmerz zu entfliehen versucht. Zu Lebzeiten schon hat er den Ruf eines Fürbitters,

teilweise geht man sogar soweit von einem Notheiligen zu reden. Nicht umsonst ist sein Arbeitsplatz häufig an der Pforte, wo er hilfesuchenden und in Not geratenen Menschen seine Aufmerksamkeit schenkt. Sein Selbstverständnis, welches sicherlich auch unter dem Eindruck des schmerzhaften Erlebens seiner Krankheit steht, sieht so aus, dass er stellvertretend für sündige Menschen Sühne leistet.

- „Ich nehme es überhaupt lieber auf mich, überall nur einspringen zu müssen, als einen leitenden Posten innezuhaben. Es trägt viel dazu bei, dass man sich in der Demut üben kann“ -



www.franziskaner.at

Tod

Zwar ist Bruder Jordan Mai schon zu Lebzeiten über die Grenzen der Städte, in denen er gerade wirkt eine angesehene Persönlichkeit. Seine endgültige Popularität beginnt allerdings mit den Ereignissen rund um seinen Tod.

Als nämlich in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar 1922 in der Kirche seines Klosters in Dortmund der Tabernakel ausgeraubt wird, soll der Franziskaner gesagt haben : "Für diesen Gottesraub opfere ich dem Herrgott mein Leben. Heute in einem Monat wird er mich holen" - Vier Wochen nach seinem Orakel, am 22.2.1922 stirbt Bruder Jordan Mai.

Mythos

Durch die Vohersehung des eigenen Todes entsteht im katholischen Westfalen und dann auch weit über diese Region hinaus unmittelbar nach seinem Ableben ein Mythos um den Franziskaner, der besonders gerne Bergleute und Soldaten in seine Gebete einschloss. Sein Grab wird zur Pilgerstätte. Bereits 12 Jahre nach seinem Tod beginnt der bischöfliche Informationsprozess für seine Seligsprechung. An der Prozession, mit der 1950 seine Gebeine vom Ostfriedhof Dortmund zu seinem Kloster überführt werden, nehmen 100.000 Menschen teil. Dem Franziskaner werden Wundertätigkeiten nachgesagt und seit seinem Tod sollen der katholischen Kirche über 80.000 Gebetserhöhungen vorliegen.





Grab von Bruder Jordan Mai,
Franziskanerkirche Dortmund
Kanonisation

Der Seligsprechungsprozess für Jordan Mai ist 1934 eingeleitet worden und geht seitdem durch die einzelnen Instanzen, die im Kanonischen Recht der katholischen Kirche geregelt sind.
Das Bruder Jordan Werk informiert darüber wie folgt:

"1937 hat der Erzbischof von Paderborn den bischöflichen Informativprozess abgeschlossen, dem 1965 der Apostolische Prozess folgte. 1987 wurde der Römischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen die Zusammenfassung aller Daten und Erkenntnisse übergeben. 1991 bestätigte Papst Johannes Paul II. durch ein Dekret das tugendhafte Leben Bruder Jordans und nannte ihn mit dem offiziellen Titel einen Venerabilis Servus Die - einen verehrungswürdigen Diener Gottes.
Eine Seligsprechung wäre ein markantes Signal in die Irritationen unserer modernen Welt hinein. Für eine solche Proklamation bedarf es eines besonderen Zeichens, das von der Kirche als Wunder anerkannt werden kann."

Bruder Jordan Werk

An den Geistlichen erinnert heute das Bruder Jordan Werk:

"Das Bruder Jordan Werk hat die Aufgabe, die Verehrung Bruder Jordans zu begleiten und lebendig zu erhalten. Das geschieht vor allem durch die Zeitschrift „Bruder Jordans Weg“, die in einer Auflage von 15.000 Exemplaren viermal im Jahr erscheint und in fünfzig Länder der Welt versandt wird. Bedenkt man, dass jedes Heft von einem, zwei oder mehr Menschen im Hause gelesen und oft weiter gegeben wird, so erreichen Worte und Bilder eine gewiss viel höhere Zahl von Leserinnen und Lesern: als Zeugnisse eines heiligmäßigen Lebens und als eine Anregung, wie heute ein christliches Leben gelebt werden kann."

Der Versand der Zeitung ist kostenlos und wird aus Spendengeldern finanziert, welche im Weiteren noch für Menschen in Not verwendet werden. Außerdem engagiert sich das Werk um die Seligsprechung des Franziskaners.




Bronzetafel Bruder Jordan Werk
http://www.bruder-jordan-mai.de

Postanschrift:
Bruder Jordan Werk
Franziskanerstr. 1
44143 Dortmund
Spuren des Franziskaners Jordan Mai
… rund um Gelsenkirchen-Buer:

Tafel an seinem Geburtshaus in der Maximilianstraße Buer

Bronzeplastik des Künstlers Franz Brune in der Probsteikirche
St. Urbanus in Buer


Bildnis in der Anna Selbdritt Kapelle Scholven

... in Gladbeck



www.jordan-mai-schule.de

Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung des Bistums Essen und auf der ganzen Welt, z.B. in Brasilien. Bruder Jordan Mai im Kirchenfenster der Konventskapelle der Franziskaner in Bacabal im brasilianischen Bundesstaat Maranhão

Foto: Hans Braegelmann

Entworfen wurde das Kirchenfenster von Chr. Goebel und von Bruder Crescens Rausse aus Werl 1958 verwirklicht. Es schmückte einst die Franziskanerkirche von Attendorn. Nach deren Abriss wurde das Kirchenfenster nach Brasilien verschifft und von den Brüdern von Taize restauriert und in die Konventskapelle in Bacabal, Provinz Maranhão, eingebaut. Beachtenswert ist die Einbettung des Franziskaners in eine klassische Ruhrgebietskulisse. Zu seiner rechten und linken sieht man rauchende Schlote, einen Förderturm, einen Wasserbehälter, Mietskasernen, aber auch eine Kirche.

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